TOKIO

ANKUNFT

Meine Ankunft in Tokio nach einem etwa 15-stündigen Flug mit einem dreistündigen Zwischenstopp in Peking konnte ich in dem Moment erst einmal gar nicht begreifen. Da war ich also plötzlich in dem Land, von dem ich schon so viel gelesen und gesehen hatte, nach nicht einmal 24 Stunden Reise. Nachdem der berüchtigte Integrationsschalter nach einigen Problemchen überwunden war, musste ich feststellen, dass wegen der Verzögerung die Gepäckabholung bereits abgeschlossen und mein Rucksack damit unauffindbar war.

Aber keine Panik, dachte ich mir – und tatsächlich zeigte sich direkt die wahnsinnige Hilfsbereitschaft der Japaner*innen. Eine Angestellte des Flughafens führte mich unermüdlich durch die Halle, bis sie einen eigens dafür beschäftigten Mann ausfindig machte, der mit Schild und den verwaisten Gepäckstücken in einer Ecke der Halle stand. Und tatsächlich war dort auch mein Rucksack. Noch ahnte ich nichts von der Herausforderung, die ein 75-Liter-Rucksack plus Handgepäck in einer Tokioter U-Bahn zur Rush Hour darstellen würde. Wenn man dann allerdings peinlich darauf bedacht ist, nicht mit seinem Rucksack die Zehen eines Geschäftsmanns zu zerquetschen und parallel versucht, den Überblick darüber zu behalten, an welcher Station man aussteigen muss, kann das im ersten Moment doch recht überfordernd sein. So kam es dann auch dazu, dass ich beim Umstieg meine Anschlusslinie nicht fand. Und dann kam „K“. Ein Typ, etwa in meinem Alter, der mich aus dem Nichts fragt, ob ich Hilfe brauche. Er zeigt mir die Bahn und erklärt mir, dass er in dieselbe Richtung muss. Wir quatschen den Rest der Fahrt, in der er mehrmals sicher gehen will, dass ich den Weg zu meinem Hostel auch wirklich finde.

Tokio ist gleichzeitig alles, was ich mir vorgestellt habe, und doch ganz anders. Zuerst einmal ist es wärmer: entspannte 20 Grad und strahlender Sonnenschein. Nicht gerade das Wetter, mit dem ich Ende November gerechnet hätte. Außerdem ist Tokio groß. Also richtig groß. Ich halte mich die meiste Zeit am ehesten im Zentrum auf, und trotzdem bin ich mit der Bahn meistens eine Stunde unterwegs. Dazu ist alles so organisiert und die Menschen so diszipliniert. Kein Schubsen oder Drängeln, alles funktioniert reibungslos, obwohl die Bahnen aus allen Nähten platzen. Es ist ruhig, kaum jemand redet. Die Bahnstrecke ist gesäumt von Häusern, die sich dicht an dicht über Kilometer in alle Himmelsrichtungen erstrecken. Und dazwischen an ungefähr jeder zweiten Ecke ein 7/11 oder Family Mart. Das Essen ist günstiger, als ich dachte. So günstig, dass es sich nicht lohnt, selbst zu kochen. Für 1500 Yen, also 7–8 Euro, bekommt man meistens eine volle Mahlzeit mit Vorspeise oder Suppe plus einer Tasse grünem Tee. Ich hatte mich in Japan ja schon darauf eingestellt, dass die Kommunikation eine Herausforderung werden würde, aber dass mir das schon gleich zu Beginn in Tokio passieren würde, hatte ich nicht erwartet. Wirklich die wenigsten können Englisch oder trauen sich, es zu sprechen. Dafür sind sie umso freundlicher und gastfreundlicher und lassen sich die Kommunikationsprobleme so gar nicht anmerken.

VON ASAKUSA BIS SHIBUYA

Endlich angekommen in Tokio konnte ich mich anfangs gar nicht entscheiden, was ich zuerst sehen möchte. Zum einen, weil die Stadt und damit die Auswahl so groß ist, zum anderen, weil manche der Sehenswürdigkeiten vor allem zu bestimmten Tageszeiten ihren Reiz haben. Ein Stadtteil wie Shinjuku mit all seinen leuchtenden Neonreklamewänden sieht zum Beispiel tagsüber nicht anders aus als andere Stadtteile, während er sich nachts in einen anderen Planeten verwandelt.

Also entschied ich mich, früh aufzustehen und an Tag 1 den nächstgelegenen Stadtteil Asakusa mit seinem berühmten Schrein und dem ihn überragenden Skytree in Angriff zu nehmen. Und direkt gab es die nächste Überraschung. In einer naiven Hoffnung dachte ich, dass man sich Ende November die meisten Sehenswürdigkeiten nicht mehr mit allzu vielen anderen Touristen teilen müsste. Eine Hoffnung, die sich als ganz, ganz falsch herausstellen sollte. Bereits um 8 Uhr morgens sammelte sich eine beträchtliche Menge an Besuchern vor dem öffentlichen Schrein.

Naja, was soll’s, man kann nicht alles haben. Umso interessanter war es dafür, das Gebetsritual der vielen Japanerinnen und Japaner zu sehen, die ebenfalls den Schrein besuchen. Erst reinigt man sich mit Wasser – das heißt Hände und Mund –, tritt dann vor den Schrein, „opfert“ 5 Yen (das bringt wohl Glück), verbeugt sich zweimal, klatscht zweimal in die Hände und hält die Hände vor der Brust. Nach einer abschließenden letzten Verbeugung geht man wieder. Das alles passiert natürlich auch geordnet und mit System.

Anschließend ging’s per Bahn zu dem etwa eine Stunde entfernten Yoyogi Park. Neben den in erschreckender Frequenz auftretenden Begegnungen mit Spinnen, die man in Deutschland nur noch als gigantisch bezeichnen würde, konnte man außerdem noch eine Vielzahl der in Tokio allgemein sehr verbreiteten Ginkgobäume in voller Herbstpracht bestaunen. Das hatte ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet, wo es in Deutschland ja schon lange keine Blätter mehr an den Bäumen gab – von Farbe mal ganz zu schweigen.

Als Nächstes entschied ich mich, den nicht mehr allzu weit entfernten Gotokuji-Tempel zu besuchen.  Der Tempel, der der Ursprung der berühmten Winkekatze ist. Der Schrein liegt mitten in einem Vorort von Tokio und ist nur mit einem 15-minütigen Spaziergang von der Bahnstation zu erreichen. Ich kann gar nicht sagen, wie viel Spaß es mir macht, einfach nur durch die Wohngegenden und schmalen Gassen Tokios zu laufen. Man weiß wirklich nicht, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet: ein Schrein, ein Haus in einem völlig ausgefallenen Stil oder ein Convenience Store, in dem man seinen Onigiri Vorrat wieder auffüllen kann.

Als letzte Station des Tages folgte die wohl ikonischste Kreuzung der Welt: Shibuya Crossing. An keinem Ort der Welt schauen mehr Leute anderen Leuten dabei zu, wie sie eine Straße überqueren. Und ich konnte es nicht erwarten, einer davon zu sein. Mir fällt es schwer, in Worte zu fassen, was Leute bereit sind zu tun, um einen freshen neuen Post auf ihren Social-Media-Kanälen zu posten. Also no judge, aber es ist wirklich unterhaltsam zu sehen, wie Leute auf die Kreuzung sprinten, um die absurdesten Tänze oder Posen zu machen, während der Freund oder die Freundin mit dem Handy in der Hand hinterherläuft. Und im Kontrast dazu die japanischen „Salarymen“ auf dem Weg nach Hause, die das Ganze wohl schon gar nicht mehr zu schocken scheint.

EIN ABENDESSEN DER ANDEREN ART

Ich bin mittlerweile wieder im Hostel angekommen und studiere Google Maps, um die Umgebung nach einer passenden Lokalität abzusuchen. Ich habe, obwohl ich zum Mittag bereits Sushi hatte, immer noch Lust auf rohen Fisch.

Also Restaurant in Fußnähe rausgesucht und los. Angekommen vor dem kleinen Laden, schallen mir von drinnen schon japanische Stimmen entgegen, und mein Mut schwindet noch ein Stückchen weiter, als ich die ausschließlich japanische Speisekarte sehe. Dieses Restaurant wirkt so gar nicht wie eins, das oft Touristen zu Gesicht bekommt. Ich bin kurz davor, wieder zu gehen, als mich plötzlich eine ältere Frau von hinten auf Japanisch anspricht. Sie fragt mich gestikulierend, ob ich essen möchte. Sie scheint zu dem Restaurant zu gehören. Also kein Zurück mehr – und Tür auf. Der Raum besteht aus einer Theke und etwa acht Plätzen, von denen vier besetzt sind. Hinter der Theke steht ein älterer Herr und bereitet geschickt Sushi zu. Neben ihm steht ein kleines Aquarium, in dem eine Handvoll Fische schwimmen.

Als ich hereinkomme, gehen alle Augen in meine Richtung. Eine Mischung aus Überraschung und Ungläubigkeit, wie ich mich denn hierher verlaufen haben könnte. Der Kellner kommt auf mich zu und lässt einen Ruf des Erstaunens heraus. Er bittet mich, Platz zu nehmen, und schnell ist klar: ausufernde Gespräche wird es diesen Abend nicht geben – zumindest was das Verständigen angeht. Der Kellner schien nämlich eher einer von der kommunikativeren Sorte zu sein. Ich sage schnell den mir kurz vorher eingeprägten Satz: „Ich spreche kein Japanisch. Können Sie mir etwas empfehlen?“ Damit ist die Sache klar, und der Kellner übernimmt den Rest. Aus dem Nichts bekomme ich eine Vorspeise, eine Suppe und einen grünen Tee vor die Nase gestellt, während der Kellner weiterhin begeistert versucht, Kommunikation zu machen. Ich schaffe es, ihm zu erklären, dass ich aus Deutschland komme, was prompt mit einem begeisterten „Guten Tag“ erwidert wird. Den Rest der Zeit redet er jedoch mehr oder weniger auf Japanisch auf mich ein, während ich auf die Schnelle versuche, ein paar Sätze mit dem Übersetzer zu übersetzen – mit mehr oder weniger Erfolg.

Als Nächstes bekomme ich eine Platte mit gemischtem Sushi, die meisten davon Nigiri. Ich fange an, mit den Stäbchen zu essen, was direkt lobend kommentiert wird. Als ich jedoch einen Nigiri mit den Stäbchen packen möchte, nimmt sich einer der anderen Gäste ein Herz und erklärt mir unter Lachen, dass man diese doch eigentlich mit den Fingern essen müsse und dass man das Sushi nur mit der Fischseite in die Sojasoße tauchen sollte.

Ich tue also wie geheißen, und es schmeckt fantastisch. So geht das noch den Rest des Abends weiter – eine Mischung aus Japanisch, meinen kläglichen Übersetzungsversuchen und einer Nachspeise, die ich irgendwie auch noch bekommen habe. Und das alles für 1200 Yen, umgerechnet um die 7–8 Euro. Trotz wenig bis kaum Kommunikation und dem ein oder anderen unangenehmen Moment war es trotzdem ein so unfassbar netter Abend, und ich bin froh, dass mir die Frau am Eingang die Entscheidung abgenommen hatte.

CHIYODA & ROPPONGI

An Tag 2 ging es zum Park Koishikawa Korakuen im Stadtteil Bunkyo City, ein Park, der trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit immer noch sehr sehenswert ist. Kurz vor 9 schlage ich also vor den noch geschlossenen Toren des Parks auf, und direkt fallen mir die vielen älteren japanischen Herren auf, die mit Kamera im Anschlag vor den Toren warten. Mit Kameras meine ich übrigens Maschinen: 200–400 Millimeter Brennweite, oder anders gesagt Objektive von der Größe einer Schultüte, waren kein Einzelfall. Dagegen fühlte ich mich mit meiner kleinen Kamera doch etwas mickrig. Mit dem, was als Nächstes passierte, hätte ich auch nicht gerechnet. Nachdem die Tore geöffnet werden, sprinten die Männer los, als wären wir bei den Hunger Games, um den noch unberührten Park als Erste zu betreten.

Ein Blick auf die Karte zeigt mir, dass es zum Kaiserlichen Garten auch nicht mehr weit ist, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Durch Zufall stolpere ich dabei über den Yasuni-Schrein,  das erste Torii-Tor. Obwohl „stolpern“ wohl nicht das richtige Wort ist, da dieses Tor nicht weniger als das größte Torii-Tor ist, das ich je gesehen habe. Und auch hier ist der Weg wieder gesäumt von den herrlichen Ginkgobäumen. 

Im Anschluss ging es in die Östlichen Kaiserlichen Gärten, die man zu meiner Überraschung komplett kostenlos besichtigen kann. Dementsprechend voll ist es dann nur leider auch.

Als Nächstes ging es durch den Stadtteil Chiyoda zum Roppongi Hills Mori Tower, um einen der vielen beeindruckenden Panoramablicke über die Stadt zu sehen. Das Observation Deck diente zur selben Zeit einer „30 Jahre Neon Genesis Evangelion“-Ausstellung als Location; dementsprechend waren neben den ohnehin schon zahllosen Touristen auch eine Menge japanischer Besucher vor Ort. Nur dass sich diese neben den gezeigten Konzeptzeichnungen zum Glück relativ wenig für die beschauliche Aussicht zu begeistern schienen.

Mein Plan war es, zur Golden Hour und zum Sonnenuntergang an der Aussichtsplattform zu sein, hatte aber natürlich einen gewissen Puffer für Eventualitäten eingeplant. Dieser Puffer erwies sich für meine über den Tag hinweg geschundenen Füße als großes Problem. Nach einer Stunde Stehen taten meine Füße allmählich so richtig weh, aber was tut man nicht alles für ein schönes Foto (jaja, ich bin nicht besser als die Leute auf der Kreuzung!).

Letzten Endes wurde ich dafür mit einem tollen Sonnenuntergang belohnt.

TSUKUJI FISCHMARKT & RAINBOW BRIDGE

Am 3. Tag ging es für mich auf den Tsukiji-Fischmarkt, eine Aneinanderreihung von Gassen, gefüllt mit einer Vielzahl von Fisch- und Meeresfrüchte-Restaurants. Man betritt die Gassen und ist wieder mal erschlagen von der schieren Auswahl. Wo man auch hinguckt, gibt es Essen und Menüs. Alles natürlich wieder auf Japanisch, was die Auswahl nicht gerade erleichtert hat.

Schnell sticht mir allerdings ein Laden ins Auge, vor dem sich bereits eine beträchtliche Schlange angesammelt hatte. Zu kaufen gab es frisches Thunfisch-Sushi. Um genau zu sein „fettigen“ Thunfisch, der wohl besonders begehrt und lecker sein soll. Mit 3.800 Yen (20 Euro) für sechs Stück allerdings auch ein verdammt stolzer Preis. Aber komm, YOLO, dachte ich mir. Und was soll ich sagen? Es war lecker. Fast schmelzend. War es „20 Euro schmelzend“? Weiß ich jetzt nicht. Würde ich so wahrscheinlich nicht noch mal machen, aber es war mal eine Erfahrung wert.



Danach ging es zu Fuß weiter in Richtung Rainbow Bridge, einer Brücke, die Odaiba mit dem Stadtzentrum verbindet und von der aus man einen tollen Blick auf die Skyline hat. Danach noch mit dem Bus zum Tokio Tower, damit man dieses Wahrzeichen auch von der Liste streichen kann.

KAMAKURA

Am nächsten Tag stellte ich mir den Wecker besonders früh, da eine zweistündige Zugfahrt nach Kamakura im Süden von Tokio bevorstand. Eine kleine Stadt an der Küste, die vor allem für eine Vielzahl an Schreinen und einen Bahnübergang bekannt ist. Aber eins nach dem anderen. Die erste Herausforderung bestand nämlich darin, einen Wanderweg durch die Hügel Kamakuras zu finden, was sich als deutlich schwieriger herausstellte als anfänglich gedacht. Aber meine E-SIM rettete mal wieder den Tag.

Der Weg mündete nach etwa 90 Minuten auf halber Strecke eines steilen Abstiegs über Treppen hinunter in die Stadt. Ein älterer Mann kommt mir von oben entgegen und spricht mich auf gebrochenem Englisch an. Es stellt sich heraus, der Mann ist 90 Jahre alt und steigt hier einen verdammten Berg zum Einkaufen herab. Wohl gemerkt: Er muss diesen Berg später wieder hoch. Die Japaner sind einfach aus einem anderen Holz geschnitzt.

Nach dem Besichtigen einiger der Schreine führte mich mein Weg zu einem ikonischen Bahnübergang an der Küste. Das Problem war: Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie ikonisch. Angekommen sieht man einen Parkplatz, gefüllt mit Menschen, die sich ein Bild vom vorbeifahrenden Zug erhoffen. Zwei Wärter versuchen, die Leute auf dem Parkplatz zusammenzupferchen und den Verkehrsfluss zu gewährleisten – vergeblich. Was da abging, war wirklich verrückt.

Es stellt sich heraus, der Bahnübergang tauchte in einem sehr populären Anime auf und zieht seitdem eine wahnsinnige Menge an Besuchern an.